Karl-May-Festspiele Weitensfeld: Winnetou I

05. August 2009

Shatterhand & Nscho-tschi

Auf fünf Bühnen habe ich sie schon gesehen, die allseits bekannte Kennenlern-Geschichte des Heldenpaares Winnetou und Old Shatterhand. Sie ist ja beinahe aus einem Guß geschrieben und müßte demnach trotz wechselnder Schauplätze relativ leicht zu adaptieren sein. Das dachte ich wenigstens. Deshalb erstaunen mich die zahlreichen Variationen zum Thema immer wieder, ohne die es bei den meisten Autoren und Regisseuren anscheinend nicht geht. So hat sich auch der langjährige österreichische Winnetou-Darsteller Thomas Koziol, der die Leitung der Weitensfelder Bühne nach deren Konkurs kurzfristig übernahm, frei aus dem May’schen Ideentopf bedient, bzw. ein Bühnenstück reaktiviert, das er in ähnlicher Form bereits in Winzendorf aufgeführt hatte:

Darin fehlt Klekih-petra, der weiße Schulmeister der Apachen, ebenso wie Oberhäuptling Intschu-tschuna, und als Kiowa agiert Tangua allein auf weiter Flur. Die Bleichgesichter treten dagegen zahlreicher auf. Das Kleeblatt, an dem auf anderen Bühnen gern gespart wird, ist komplett, und Gangsterboß Santer wird von Rattler unterstützt. Beide verdienen kräftig an der betrunkenen Inkompetenz Bancrofts, so daß sich Santer sogar eine Geliebte (Belle) leisten kann. Das noch recht unbedarfte Greenhorn Mr. Charly wird engagiert, um Vermessungen im Indianergebiet durchzuführen. Allein. Doch er heuert das Kleeblatt als Scouts an, das dafür gerne seinen einträglichen Handel mit Stoffen, Glasperlen(?) und Pelzen aufgibt. Überhaupt das Kleeblatt! Ließ das Erscheinen eines echten Maultiers erst noch auf Werktreue hoffen, wird bald klar, daß es sich hier nicht um Westmänner, sondern um Dorftrottel handelt! Allen voran Sam Hawkens, der es nicht einmal schafft, den Saloon durch die Schwingtür zu betreten, ohne sie wiederholt ins Gesicht zu bekommen. Auf diese Abart österreichischen Humors, der u.a. dafür sorgt, daß die Drei den größten Teil der Vorführung in roten “longjohns” über die Bühne stapfen, hätte ich gut und gern verzichten können. Obgleich meist dekorativ in Szene gesetzt, erinnert das Kleeblatt bestenfalls an die plumpdreisten Daltons aus “Lucky Luke”, keineswegs sind es gestandene Westmänner aus Mays Feder. Angeblich, um den ernsten Szenen die Spannung zu nehmen, turnen sie als Hampelmänner durchs ganze Stück und verdarben zumindest mir so manche gute Szene. Und das alles den Kindern zuliebe? Hm.

Denn ansonsten wird von den jüngsten Zuschauern erwartet, daß sie so einiges verkraften. Die von Michael Thomas wunderschön gesprochene Einleitung ist nämlich viel zu lang, spätestens im zweiten Drittel geht Kindern hier die Aufmerksamkeit verloren. Und die von Winnetou Thomas Koziol erstklassig choreographierten und ausgeführten Kampfszenen stehen an Brutalität keinem Videospiel nach. Daß gerade der edelste der Apachen dem Gegner in die Weichteile tritt, hätte auch nicht unbedingt sein müssen. Dafür wird bei der Blutsbrüderschaft aufs Messer verzichtet, um die lieben Kleinen nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Seltsam, oder?
Ein Pluspunkt in Weitensfeld ist Eva-Christina Binder als bildhübsche, grazile Nscho-tschi. Die begabte Schauspielerin, die für die Rolle extra reiten lernte, spielt – für Indianerrollen immer ein Gewinn – mit den eigenen, bis zur Hüfte reichenden schwarz gefärbten Haaren, ein Effekt, der mit keiner noch so guten Perücke erreicht werden kann. Dennoch wird ihr der inzwischen fast überall übliche Bühnenkuß nicht vergönnt, gerade, als Shatterhand Michael Thomas sie in die starken Arme schließen will, stört Winnetou das junge Paar. Stattdessen darf Nscho-tschi Auslöser für die Blutsbrüderschaft sein, diese kommt nämlich erst nach ihrem Tod zustande, als ihr letzter Wille sozusagen. Sterben kann Binder übrigens perfekt, es ist bereits die 3. Rolle in Folge, in der sie dies übt, zuletzt mit Koziol in Dracula. In Weitensfeld wird Nscho-tschi von Santer hinterrücks niedergestochen, bricht im Zeitlupentempo zusammen und fällt schließlich in Winnetous Arme. Beklemmend gut. Diese Szene, in der sowohl Winnetou (wortlos) als auch Old Shatterhand (beredt) um sie trauern, ist für mich ein Highlight des Stücks. Hier wirken nicht zum ersten Mal die unterschiedlichen Stärken des Blutsbrüderpaars: Koziols Winnetou beeindruckt durch Taten, er prescht auf seinem herrlichen (nagelneuen) Rapphengst über die Bühne und kämpft auf Teufel komm raus. So sticht er z.B. buchgerecht Old Shatterhand nach vorausgehendem Kampf nieder und nimmt es selbst mit einer ganzen Schar Banditen auf. Und was mir am meisten imponiert hat: Winnetou verliert den Kampf, er wird brutal niedergeschlagen und gefangen genommen. Hier wird am Mythos des unbesiegbaren Helden gekratzt, etwas, was auf den meisten Bühnen so nicht gezeigt wird. Doch Koziols Sprache mißfällt, sie ist von Pathos überladen. Auch wenn er das möglicherweise als erstrebenswert ansieht, paßt es nicht zu seiner kriegerischen Gesamtdarstellung. Langjähriger Old Shatterhand-Darsteller Michael Thomas hingegen überzeugt sprachlich und durch Mimik. Thomas spielt die Rolle routiniert und solide, obwohl er hier nicht der perfekte Held sein darf, wie zuletzt in der Dasinger Version, sondern das (noch) etwas ungeschickte Greenhorn mimen muß. Etwas steif vielleicht, was aber möglicherweise auf seine Reitverletzung am Premieren-Wochenende zurückzuführen ist.

Nach der Blutsbrüderschaft, die in Weitensfeld schon rein optisch nur am Rande mitläuft, und im Grunde verschenkt wird, folgt die Rache. In diesem Fall ein Angriff auf Roswell, bei dem nicht nur das Kleeblatt (erfolglos) mitmischt, sondern auch der inzwischen geläuterte Tangua. Christoph Steiner verkörpert diese extra für ihn ausgeweitete Rolle genial, der Indianistik- und Westernfan ist sozusagen mit Karl May aufgewachsen. Bei ihm paßt einfach alles. Bereits sein erster Auftritt ist hervorragend inszeniert, und obwohl schwarze Schminke und Büffelkopf das Aussehen des jungen Winzendorfer Ex-Winnetous allenfalls erahnen lassen, beeindruckt er durch Würde und Ausdruckskraft ebenso wie Agilität. Das vertraute Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Paintstute, seine beinahe animalische Art sich zu bewegen, die Gestik, mit der er seinen oft in Lakota gesprochenen Text unterstreicht, all dies macht Steiner meiner Meinung nach zum heimlichen Star der diesjährigen Aufführung. Doch auch die Rollen der Bleichgesichter sind gut besetzt. Sowohl Bancroft (Manuel Girisch), als auch Rattler (Michael Walde-Berger) und nicht zuletzt Santer Wolfgang Lesky mit eindrucksvoller Rhetorik überzeugen, obwohl Rattler ebenso wie Tangua nicht durch und durch böse sein darf. Schade eigentlich, und nicht nachvollziehbar, da ganz und gar May-untypisch.

Dennoch, trotz der kurzen Vorlaufszeit und gerade deswegen bewundernswert, eine spannende, actionreiche Vorstellung, deren kleine Mängel zumindest in diesem Jahr durchaus verzeihbar sind.
Weniger Komik und mehr Karl May Nähe, und Weitensfeld wird auch in den nächsten 15 Jahren seine Zuschauer begeistern!

Der Geist des Wilden Westens in Weitensfeld

31. Juli 2009

Winnetou und Tangua

Karl-May-Festspiele nennen sie sich zwar in Weitensfeld, aber gespielt wird frei nach May, immerhin explizit ausgewiesen. Und es muss auch so sein, denn hier wird Authentizität groß geschrieben. Bühnenautor Thomas Koziol entführt uns in einen Wilden Westen, der zwar vom May’schen Klischee abweicht, der aber um einiges plausibler wirkt. Die Unterschiede zum Original sind hinreichend motiviert, die Handlung zeichnet sich durch innere Schlüssigkeit aus, Figurenkonzeptionen sind deutlich erkennbar.

Inszeniert (Regie ebenfalls Koziol) wird temporeiches Actiontheater auf der breitesten Freilichtbühne Europas. Sie bietet den Rahmen für wilde Reiterszenen, Kaskadeure preschen über die Bühne, angeführt von einem verwegen reitenden Winnetou auf prächtigem Pferd (dem Menorcin-Hengst Nirvi, vielleicht der schönste Bühnen-Iltschi). Reiten kann hier überhaupt fast jeder, am eindrucksvollsten Winnetou (Thomas Koziol) und Tangua (Christoph Steiner), der mit seinem Pferd eins zu sein scheint. Wilder Westen im Wortsinn zeigt sich auch bei den zahlreichen Kämpfen, allein Winnetou bestreitet vier Nahkämpfe und reitet zwei Attacken gegen die Stadt. Alle Kämpfe sind perfekt choreographiert, hier sitzt jede Bewegung. Auch hier sind Koziol und Steiner in ihrem Element, auf abschüssigem Gelände fechten sie stilgerecht mit Messer, Tomahawk (übrigens alles andere als Spielzeug- oder Theaterwaffen) und extremem Körpereinsatz. Winnetous Gefangennahme, eine der packendsten Aktionen, geschieht nicht en passant sondern wird effektvoll in Szene gesetzt.

In Szene setzen ist das Stichwort für diese Aufführung, hinter jedem Auftritt, hinter jeder Figurenaufstellung steckt ein sorgfältiges Arrangement, fantastische Bilder werden durch gekonnt ausgewählte Musik unterstützt. Die (im Übrigen sprachlich schönen und mit der Figurenkonzeption perfekt übereinstimmenden) Dialogpassagen, die zwischen den Actionelementen beruhigen müssen, werden in wundervollen Tableaus auch optisch verankert. Ob es Tanguas Auftritt, oder das Gespräch der Geschwister auf den Felsen ist, jede Szene drängt sich als Fotomotiv förmlich auf.

Darstellerisch ragen Christoph Steiner als katzenhafter, fast schon animalischer und höchst präsenter Tangua heraus, Wolfgang Lusky, der einen lässigen Santer mit perfekter und vor allem perfider Sprache gibt, und natürlich die Blutsbrüder. Michael Thomas spielt ein erfrischend grünes Greenhorn, einen moralisch integren Old Shatterhand, der vor allem durch seine Mimik überzeugt. Thomas Koziol ist der gewohnt wilde und charismatische Winnetou, ein Krieger durch und durch, der aber auch berührende Emotionalität zeigt. Nscho-tschis Tod begleitet er durch verzweifeltes Schluchzen, das angesichts der sonstigen heroischen Spielweise nicht in Kitsch abdriftet, sondern tiefe Beklemmung verursacht.

Die Romanze zwischen Nscho-tschi und Old Shatterhand wird nur angedeutet, herrlich die Szene, in der Winnetou in das Geturtel hineinplatzt und den Kuss verhindert. Winnetous Gespräch mit seiner Schwester zeigt, dass ihm diese Beziehung keineswegs recht ist, er sie aber aus Liebe zu ihr duldet. Eines der Highlights ist die Sterbeszene, Nscho-tschi stirbt in Winnetous Armen, in Abwesenheit von Old Shatterhand. Winnetou will die Tragödie zunächst nicht wahrhaben, ebenso wie er kann auch der hinzueilende Old Shatterhand nur mehr ohnmächtig in Tränen ausbrechen.

Die Aufführung wäre perfekt, wäre der Humor besser dosiert. Klamauk statt Komik ist nicht mein Ding, und schon gar nicht, wenn eine eindrucksvolle Szene durch ihn gebrochen wird. (Welche, sage ich jetzt nicht, um zukünftigen Zuschauern die Überraschung nicht zu verderben, auf die es hierbei ankommt.) Aber man kann die Komik auch ausblenden, ich habe es bei der zweiten Vorstellung bewusst gemacht. Und dann bleibt ein Fest für die Sinne übrig, ein Spektakel, das man sich keinesfalls entgehen lassen sollte.

Fazit: Weitensfeld ist heuer unbedingt einen Besuch wert. Und sie brauchen auch jeden Gast, damit die Bühne nach dem Konkurs den Turnaround schaffen kann!

Premiere in Dasing

15. Juli 2009

Peter Görlach und Matthias M.

“Winnetou und Kapitän Kaiman”, die als Welturaufführung angekündigte und bereits im Vorfeld heiß diskutierte Inszenierung Peter Görlachs von “Auf der See gefangen”, frei nach Motiven von Karl May

Wie im Vorjahr beginnt die Story auf einem anderen Kontinent als dem der Haupthandlung, und zwar im Schlosspark der Fürstin Oerstädt. Für diese Szene konnte Fred Rai eine echte Aristokratin gewinnen. Ein medienwirksamer Schachzug des Intendanten, doch ihre Durchlaucht Angela Fürstin Fugger wirkt nicht nur elegant, sondern auch äußerst sympathisch.

Zum Inhalt: Juwelier Thieme wird von Kapitän Kaiman alias Herr de Bretigny (Rai, schneidig mit Mantel und Degen) ermordet, sein Schmuck gestohlen, und dadurch seine Familie an den Rand des Ruins getrieben. Miss Admiral unterstützt Kaiman dabei zunächst, wird aber später zur Gegenspielerin. Gar nicht schlecht in dieser anspruchsvollen Rolle: Tessa Bauer, auch wenn es ihr nicht ganz gelingt, das “Satansweib” May-gerecht böse zu verkörpern. Marineoffizier Parker wird unschuldig des Mordes an Thieme verdächtigt und wandert deshalb nach Amerika aus. Detektiv Treskow macht sich auf die Suche nach dem Mörder, um Parker zu rehabilitieren. Hilfe bekommt er dabei jedoch nicht von Pitt Holbers und Dick Hammerdull, sondern von Sam Hawkens (erstklassig, wenn ich mich nicht irre: Alexander Korda). Die Hauptfigur Deadly Gun wurde durch Old Firehand (wie gehabt: Horst Janson) ersetzt. Dieser will seinen Reichtum (Gold) mit Heinrich Thieme teilen, der deswegen in die Vereinigten Staaten kommt. Doch auch Kapitän Kaiman und Marc Letrier haben es auf Firehands Vermögen abgesehen, zumal Miss Admiral sich mit dem erbeuteten Schmuck aus dem Staub gemacht hat. Kaimans Schiff, die “l’Horrible” liegt direkt hinter den Felsen vor Anker und ist den Dasingern trotz relativ einfacher Mittel hervorragend gelungen. Links davon befindet sich die Kneipe von Mutter Dodd, hier trifft sich Gut und Böse, Piraten ebenso wie Indianer. In diesem Fall die Ogellallah angeführt von Matto-Sih, der sich mit Kaiman gegen das Heldenpaar Winnetou und Old Firehand verbündet.

Soweit stimmt die Story so einigermaßen, man merkt dass der Regisseur und Autor Peter Görlach seinen May kennt. Dennoch ist die Phantasie noch kräftig mit ihm durchgegangen. Obgleich der Starkomiker der letzten Jahre fehlt, sorgen diverse erfundene Nebenfiguren für Heiterkeit, eine Liebesbeziehung begleitet die Handlung, und mehrere Kinder (u.a. Gert Fröbes Enkel Patrick als Sohn Thiemes) wurden mit eingebaut. Alles Dinge, die beim Publikum durchaus ankommen, wie der Szenenapplaus immer wieder beweist. Ob sie deshalb nötig gewesen wären? Auch die vielen mystischen Elemente wie der “Ruf des Blauvogels” und ein von Winnetou Matthias M. gesprochenes Totengebet sind gewiss nicht jedermanns Sache. Dessen neues, mit Schlangenleder verziertes, Stirnband ist übrigens eine Verbesserung gegenüber der bisherigen rein weißen Version. Diversen Gerüchten widersprechend ist seine Silberbüchse jedoch dieselbe, die er schon vor 2 Jahren benutzte. Seine Agilität darf der junge, gutaussehende Winnetou-Darsteller wie gewohnt in mehreren Kämpfen zur Schau stellen. Aber von Mays zwar edlem, jedoch eher brutalem Apatschen-Häuptling, wie er in dieser Erzählung nun mal beschrieben wurde, ist in dieser Inszenierung nichts zu finden. Winnetou ist eindeutig Friedensstifter. Ebenso Old Firehand. Zumindest bis zum Finale, denn da bringt der gelernte Fechter Janson den Schurken Kaiman mit dem Degen zur Strecke. Auch Winnetou zeigt noch einmal Action: Matthias M. seilt sich vom Ausguck der “l’Horrible” aus quer über die ganze Bühne hinunter ab, während hinter ihm das Schiff explodiert. Beeindruckend.
Ein Highlight bleibt die Liebe der Dasinger zum Detail. Nicht nur die Kostüme der Indianer, sondern auch den vorgeführten Tanz hätte man in der Form auch auf einem Powwow sehen können. Auf Rais Piratensong hätte ich jedoch verzichten können. Störend auch der Dialekt einiger Laiendarsteller, die ohnehin eher blass bleiben. Von rühmlichen Ausnahmen abgesehen, so konnten z.B. Mike Dietrich und Cora Schön als Liebespaar durchaus überzeugen. Für Atmosphäre sorgt Görlach mit stimmigen Bilder und Dialogen mit hohem Wiedererkennungswert. Denn praktischerweise entlehnte er sie aus anderen Bänden bzw. den Filmen der 60er: “shi shteke, shi nta-ye!”

Fazit: Meine Gratulation! Der Versuch, dieses wenig bekannte Werk des großen Maysters auf die Bühne zu stellen, darf als gelungen bezeichnet werden und wurde bei der offiziellen Premiere mit einer ‚standing ovation’ belohnt! Zu Recht, denn wie auch schon in den vergangenen Jahren bietet Dasing bunte, actionreiche Familienunterhaltung mit erfreulich wenig komischen Einlagen, auch wenn ich persönlich mir etwas mehr May-Nähe wünschen würde.

Elke Lakey

Von neuen Ideen und alten Zöpfen

20. Juni 2009

Die "Dogfish" versinkt in den Fluten des Silbersees

Am Freitag Pressekonferenz in Bad Segeberg, am Samstag Premiere in Elspe. Zwei Bühnen, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Wie sehr, zeigt sich in diesem direkten Vergleich. Bad Segeberg präsentiert sich mit tollen Schauspielern: Allen voran der neue Bösewicht Martin Semmelrogge, der allein mit seiner markanten Stimme das Kalkbergrund ausfüllt. Dazu gute Neulinge, wie Dorkas Kiefer und Patrick Wolff, gemischt mit alten Hasen, wie Joshy Peters und Ben Bremer. Doch das allein macht es nicht aus. Dazu gehört ein gutes Buch, von dem zumindest in den gezeigten Szenen nichts zu sehen war – es dümpelte alles etwas vor sich hin. Am gravierensten fällt jedoch das Bühnenbild auf. Der Schutz vor herunterfallenden Gesteinsbrocken durch eine Holzwand und ein riesiges Fanggitter ist zwar richtig und wichtig – der Umgang im Bühnenbild jedoch schlecht. Wird die Holzwand noch durch Häuserfassaden kaschiert, so ist das silberne Fanggitter in all seiner Pracht zu sehen. Ein Tarnnetz oder Bewuchs mit Schlingpflanzen hätten das wenigstens etwas verdecken können.

Doch das ist nicht alles. Im Saloon-Schild sind die vorbereiteten Schuss-Effekte schon vor Betreten des Theaters zu sehen, dass auch ein Blinder weiß “ahhh da wird geschossen und am Ende bleibt nur noch 00 stehen”. Das “Fenster” eines Hauses schreit förmlich danach jemanden hindruchs zu werfen – und so geschieht es natürlich auch. Der Zug muss in einer Art Brettergarage sichtbar auf seinen Auftritt warten – dann erfährt man, dass das keine Garage, sondern ein Tunnel ist. Damit der Weg über den Bunker jedoch überhaupt benutzt werden kann, werden die Schienen der Eisenbahn erst zum Auftritt des Zuges herausgeklappt! Der Tafelberg wurde wieder erweitert, bzw. umgebaut. Rechts vom Wasserbecken wurden Teile der Felskulisse mit Bauschaum aufgefüllt, aus dem Becken wurden quietsch-orangene Kabel verlegt, usw usw usw. Schlimmer gehts nimmer.

Elspe dagegen zeigt sich mit einem komplett neu gestalteten Berg, der aus Beton in einem Guss gestaltet wurde und keine Plattenkonstruktion darstellt. Das Dorf wurde neu gestaltet und dazu kommt der Schaufelrraddampfer “Dogfish”, der live doch recht imposant wirkt und im Finale einen fantastischen Auftritt hat. Das Versenken des Dampfers in den Fluten des Silbersees, ist der wohl beste Finaleffekt, den eine Karl-May-Bühne bisher gesehen hat! Dazu kommen tolle neue Kostüme für fast alle Indianer (das sind vor allem Männer und nicht nur 5) und die Hauptdarsteller.

Der neue Regisseur der Segeberger Spiele, Donald Kraemer, hat es nicht geschafft den Szenen seinen eigenen Stil aufzudrücken. Jedenfalls ließen die Szenen der Pressekobferenz das nicht erkennen. Stattdessen gibt es wieder unübersichtliche Kampfszenen, die schon in früheren Jahren genau so zu sehen waren. Das geht einfach besser.

Wenn die Premiere in Bad Segeberg nicht wirklich noch einige Knaller bereit hält, dann steht für mich in diesem Jahr das Torverhältnis fest: Elspe vs. Bad Segeberg: 1 zu 0.

“Der Ölprinz” in Weitensfeld

19. August 2008

Karl May in Weitensfeld

Ich war vorgewarnt: Auf österreichischen Bühnen, so hatte man mir gesagt, ginge man mit Karl May im Zweifelsfalle noch übler um als in Deutschland. Sam Hawkens als Alkoholiker oder als ständig Flatulenzen abgebender Kretin, hirnrissige Handlungen, debile Darsteller – all das ließ mich den Zuschauerbereich der Bühne in Weitensfeld mit gemischten Gefühlen betreten. Die Bühne allein allerdings machte einen wirklich erfreulichen Eindruck. Elspe-Format, also viel Platz für Reiterkunststücke, links ein stilvolles Indianerdorf, rechts eine Westernstadt, dazwischen Felsiges und dahinter, etwas ansteigend, Nadelwald. Landschaftlich also schon mal eine feine Sache.

Und dann ging es los. Um es gleich vorweg zu sagen: alle meine Befürchtungen wurden zerstreut. Das diesjährige Stück hielt sich in Grundzügen an Mays Vorlage, aber was viel wichtiger ist, es wurde insgesamt dem Autor gerecht. Dazu ein paar Details: die Interaktion zwischen den Blutsbrüdern Winnetou und Old Shatterhand ist vorzüglich dargestellt, Winnetou ist kein Redenschwinger sondern agiert in erster Linie und überlässt Shatterhand die Erklärungen gegenüber den anderen Personen. Die beiden stimmen sich durch Gesten und kurze Sätze miteinander ab, dann geht es ohne irgendwelche Predigten zur Sache. Weiterhin wird die für Karl May so wichtige Problematik der Vertreibung der Indianer durch die Weißen ebenso thematisiert wie die Botschaft, dass mit beiderseitigem gutem Willen ein Ausgleich, sogar ein Zusammenleben möglich sein kann.

Herausragender Darsteller ist Thomas Koziol als Winnetou, der zwar auf einem nicht May-gerechten weißen Pferd über die Szene prescht, aber dieser Stilbruch gerät schnell in Vergessenheit, wen man das perfekte Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter genießt. Daher soll hier auch mal der Name eines Pferdes genannt werden: El Fantastico! Und der Schimmel trägt den Namen zu Recht.

Kurt Allmer als Old Shatterhand ist zwar ein paar Jährchen zu alt für diese Rolle, von der äußeren Erscheinung könnte er einen perfekten Firehand abgeben, aber sein Spiel und seine sehr angenehme Stimme lassen den grauen Bart vergessen.

Eine völlige Fehlbesetzung ist leider Jean-Jaques Pascal in der Titelrolle. Sein Ölprinz kommt schlicht und ergreifend langweilig daher und lässt sich von dem hervorragenden Michael Spiess als zwielichtiger Buchhalter Kowalski völlig an die Saloonwand spielen. Pascal, der mit Drehbuch und Regie eine wirklich glückliche Hand hatte, sollte sich auf diese Fähigkeiten beschränken, anstatt einigermaßen unmotiviert auf der Szene herumzustehen. Unterboten wurde seine Leistung nur noch von Margot Graf als Rosalie Ebersbach. Diese bei May nun wirklich wichtige Figur wurde von ihr in Grund und Boden gemimt. Erfreulich dagegen Michael Allmer als Kantor Hampel, der eine Mischung aus der ursprünglichen May-Figur und Heinz Erhardts Darstellung im „Ölprinz“-Film darbot. Komik ohne billigen Klamauk, souverän dargestellt, lustig, aber nicht platt: schau an, Segeberg, so geht es auch.

In Weitensfeld wird ein einigermaßen konventionelles Karl-May-Stück ohne allzu schlimme Ausrutscher auf die Bühne gebracht. Es gibt ein paar verschenkte Möglichkeiten, so hätte etwa ein Zweikampf zwischen Winnetou und dem Nijora-Häuptling (Thomas Töscher) den einigermaßen auseiernden Schluss aufgepeppt. Da hat man einen Winnetou-Darsteller, der körperlich wirklich agieren kann und nutzt das nicht aus. Schade. Ansonsten war ich recht angetan von dem, was auf der Bühne abging, in den letzten Jahren sah ich deutlich Schlechteres.

Premiere in Dasing: Im Tal des Todes

09. Juli 2008

Karl May in Dasing

Nachdem die Generalprobe noch wegen heftigen Regens verschoben werden musste, hatte der Wettergott doch ein Einsehen und die teilweise prominenten Zuschauer (u.a. die Minister Dr. Thomas Goppel und Eduard Oswald, sowie Carolin Reiber) durften am ersten Juli-Wochenende bei strahlendem Sonnenschein die Premiere von “Im Tal des Todes” erleben.

Und sie wurden nicht enttäuscht. Textbuch-Autor und Regisseur Peter Görlach hatte mit einigen Neuigkeiten aufzuwarten. Karl Mays gleichnamiges Buch “Im Tal des Todes” ist ja der zweite Teil einer Trilogie, dessen erster “Der Derwisch” im Orient spielt. So beginnt auch das diesjährige Stück der Süddeutschen Karl May Festspiele nicht mit den gewohnten Böttcher Melodien, sondern orientalischer Musik.

Und schon befinden wir uns auf dem Sklavenmarkt in Tunis: Lisa Adler, die verschollene Tochter des Diplomaten Bruno von Adlerhorst, muss aus den Händen von Melek Pascha, dem Herrn des Verderbens befreit werden. Lisa (Cora Schön) führt einen gekonnten Bauchtanz vor. Dann greift Old Firehand ein. Im weißen Beduinengewand kaum zu erkennen, wird Horst Janson von Scheich Mohammed es Sadok bei der Befreiung unterstützt. Dieser überreicht dem Westmann zum Abschied den geheimnisvollen “Stein Allahs”, der ihn beschützen soll.

Acht Monate später in Amerika die Versammlung der Häuptlinge im Tal des Todes: Tunka-shila, der Wächter des heiligen Schatzes, fühlt den nahenden Tod und will das Geheimnis an Winnetou übergeben. Damit ist Marikopa-Häuptling Hehata-Schanteh (Peter Görlach) nicht einverstanden. Und als Tunka-shila von Banditen getötet wird, kommt es zum Bruch zwischen Winnetou und dem Marikopa, der nun allen Bleichgesichtern den Krieg schwört.

Nächster Schauplatz ist Wilkinsfield. Dort steht die Baumwoll-Fabrik(?) der Familie Wilkins. Paloma Nakana (Tessa Bauer) wird als Tochter von Mr.Wilkins eingeführt. Sie knüpft zarte Bande mit Martin Adler, während Arthur Wilkins sich auf den Weg macht, die Rechte an der Fabrik auf den Onkel zu übertragen. Verhindert wird dies von Bösewicht Senator Walker, der es ebenfalls auf Paloma abgesehen hat, obwohl sie seinen Heiratsantrag ablehnt. Intendant Fred Rai, heuer nobel mit Umhang und Zylinder, spielt den aalglatten Politiker mit scheinbar ehrenhaften Absichten. Doch dann ermordet er Arthur Wilkins, und Roulin, ein Mitglied seiner Bande, schlüpft aufgrund seiner Ähnlichkeit in dessen Rolle. Bald gehört die Fabrik dem Senator und Paloma zieht mit ihrer Familie in eine alte Missionsstation. Winnetou führt die Marikopas zu Walkers Bande, doch Hehata-Schanteh will nicht glauben, dass der Senator für den Mord des Wächters verantwortlich ist und zieht ab. Hilfe beim Kampf gegen die Banditen erhält der Apatsche stattdessen von Old Firehand, Sam Hawkens und David Lindsay. Vom Marshal erfährt Winnetou, dass Senator Walker im Osten bereits als Betrüger entlarvt wurde. Dann überfallen die Marikopas die Missionsstation, wobei auch Winnetou gefangen wird. Old Firehand mischt sich ein und es kommt zum Gottesurteil. Winnetou Matthias M. muss gegen zwei Gegner zugleich antreten, Görlach und den Unterhäuptling Latanka (Marco Mayer). Kurz darauf bringen Hawkens und Lindsay ein Telegramm, das die Schlechtigkeit Walkers beweist, so dass auch Hehata-Schanteh überzeugt wird. Die Banditen haben in der Zwischenzeit Martin Adler von einem Felsen gestürzt.

Der endgültige ‘Showdown’ findet wieder im Tal des Todes statt. Die zwielichtige Miranda hat Paloma unter einem Vorwand dorthin gelockt, um ihr das Amulett abzunehmen, das den Weg zum Schatz verraten soll. Der sich als Quelle in der Wüste entpuppt. Walker taucht auf, es kommt zum Streit, und der Senator wird von Miranda erschossen, indem er die Kugel auffängt, die seiner ‘einzigen wahren Liebe’ Paloma Nakana gegolten hat. Nun erscheinen auch Winnetou, Old Firehand, Sam Hawkens, Lindsay; Lisa, Mr.Wilkins, und zuletzt auch der tot geglaubte Martin, so dass die Familien Adler und Wilkins wiedervereinigt werden. Im stimmungsvoll beleuchteten Schlussbild bleiben Old Firehand und Winnetou allein zurück…

Görlach ist es gelungen, Karl Mays komplizierte Geschichte der Familien Wilkins und Adler so zu komprimieren, dass sie auch dem unkundigen Zuschauer in etwa verständlich wird. Hervorzuheben ist, dass dieses Jahr im Stück nicht gesungen wird! Angenehmerweise fehlen auch Indianertänze und sowohl Pyrotechnik als auch Komik halten sich in Grenzen. Dennoch kommt keine Langeweile auf, die Spielfreude des gesamten Ensembles überträgt sich auch auf die Zuschauer. Sam Hawkens wird heuer erstmalig von Alexander Korda übernommen. Korda spielte Hauptrollen in zahlreichen Fernsehproduktionen (“Lindenstrasse”, “Derrick” usw.) und kannte sogar Ralf Wolters persönlich. Eigene Vorstellungen von der Rolle einbringend, versteht er Hawkens nicht als ‚Kasperl’, auch wenn er Situationskomik durchaus akzeptiert. So sorgt Sam durchaus für Gelächter, z.B. wenn er die Perücke abnimmt, um mit seinem kahlen Schädel die Indianer zu erschrecken. Aber in seinen Dialogen mit Firehand und Lindsay wird klar, dass er kein Trottel, sondern ernstzunehmender Westmann ist, der auch im Kampf seinen Mann steht. Die eigentliche Komik vertritt wieder Stefan Mayr, dieses Jahr als Lord Lindsay. Im schwarzgelben Schottenrock(?) und den passenden Kniestrümpfen ist Mayr in seinem Element. Von einem schwarzbefrackten Butler begleitet sucht er nach Abenteuern, wird aber trotz herrlicher Komik, die man einfach erlebt haben muss, von seinen Begleitern durchaus ernst genommen. Somit Maygerecht und eine deutliche Verbesserung zu den Vorjahren. Weitere Auflockerung erhält die Geschichte durch den Indianerjungen Petaga, gespielt von Gert Fröbes 12jährigem Enkel Patrick und dem weißen Mädchen Nancy (Zoe Howard). Die Kinder befreunden sich und helfen einander, wobei die Unterschiede der Kulturen und Religionen angesprochen werden. Was zwar mit May nichts zu tun hat, aber für ein paar reizende Szenen sorgt. Lobend erwähnen möchte ich, dass dieses Jahr weniger auf Rais Lieblingsthema Pferdeliebe herumgeritten wird. Auch die Mystik in Form von Anbetung Wakan-tankas ist dezenter und der ‚Stein Allahs’ stört kaum. Stattdessen dürfen wir erneut Horst Jansons routinierte und sympathische Darstellung des Old Firehand genießen. Man sieht deutlich, dass sich der allseits beliebte Schauspieler in Dasing wohl fühlt.

Und Winnetou Matthias M. scheint von Jahr zu Jahr noch besser zu werden! In seiner Lieblingsszene am ‘Pranger’ der Marikopas wirkt er allein durch seine Präsenz. Mit ausdruckslosem Gesicht und ohne die Stimme zu erheben, weist er Häuptling Görlach mit einem einzigen Satz erfolgreich in seine Schranken. Mit Gelassenheit und Würde, die Aggression des Kriegers nur im Notfall einsetzend, kämpft Matthias M. als Winnetou für den Frieden. Für eine bessere Welt, in die sich auch der Zuschauer versetzt fühlt, die Welt Karl Mays.

Text von Elke Lakey, Foto von Dürken Abb

“Zobeljäger und Kosak”?

03. April 2008

Segeberger Traum-Trio

Nun sehen wir sie von Angesicht zu Angesicht, die Gaststars der Segeberger Saison 2008. Old Firehand? Angesichts der Kopfbedeckung von Alexander Wussow dachte ich einen Moment lang eher an “Zobeljäger und Kosak”, so sibirisch-pelzmützig kommt er daher. Und Ribanna? Ich darf mal den Autor – gemeint ist Karl May! – zitieren: “Sie war schön, wie die Morgenröte, und lieblich wie die Rose des Gebirges. Keine unter den Töchtern des Stammes vermochte die Häute so zart zu gerben und das Jagdkleid so sauber zu nähen, wie sie, und wenn sie ging, um Holz zu holen für das Feuer ihres Kessels, so schritt ihre schlanke Gestalt wie die einer Königin über die Ebene…”. Frau von Bremen scheint Karin Dors Perücke geerbt zu haben und macht auf den meisten Bildern ein eher unliebliches Gesicht. Wie eine Katze, die gerade eine Maus gefressen hat, schaut sie drein. Und mittendrin die arme Beatrice Richter, die so guckt, als täte ihr die Entscheidung, dieses Jahr am Kalkberg den Hampelmann bzw. die Hampelfrau zu geben, bereits jetzt schon leid. Bin gespannt, was unsereins nach der Premiere für ein Gesicht macht.

Foto: KARL MAY & Co.

Früher Winnetou, heute Richard Löwenherz

10. September 2007

Jerzy Fabian Kosin und Klaus Hagen Latwesen

Zugegeben, hat eigentlich nichts mit Karl May zu tun. Nur um diverse Ecken: Bis 1987 gab Klaus-Hagen Latwesen bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg einen agilen Winnetou. In diesem Sommer feierte er sein norddeutsches Freilichtbühnen-Comeback: In den Lübecker Wallanlagen übernahm er in seinem eigenen Bühnenstück “Robin Hood” (Latwesen schrieb das Textbuch und führte Regie) die Rolle des Richard Löwenherz (Foto mit “Robin Hood” Jerzy Fabian Kosin). Auf der idyllisch gelegenen Freilichtbühne versuchte Ex-Segeberger Wilfried Zander als Produzent erstmals, nach jahrelanger Tradition nachmittäglicher Kinderstücke à la Pippi Langstrumpf & Co. nunmehr zusätzlich abends “Robin-Hood-Festspiele” zu etablieren; ein lang gehegter Wunsch Zanders ging somit in Erfüllung. Das große Ensemble hatte es in seinem Premierenjahr nicht leicht: Auch hier hinterließ das schlechte Wetter seine Spuren, so manche Vorstellung musste vor viel zu leeren Rängen über die Bühne gehen.

Zeitreise an den Greifensteinen

24. Juli 2007

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Neben Rathen gehört die Freilichtbühne an den Greifensteinen zu den eindrucksvollsten ihrer Art, wie geschaffen für Karl-May-Stücke. In diesem Jahr ist als Wiederaufnahme von 2006 „Unter Geiern“ zu sehen. Wobei auch das eigentlich schon eine Wiederaufführung war, wird doch nach einem Buch des Segenberger Veteranen Wulf Leisner gespielt.

Mein erster Besuch war 2003 beim „Schut“, von einem anderen Segeberger Urgestein geschrieben und inszeniert, Klaus-Hagen Latwesen. Irgendwie scheint sich die Bühne im Erzgebirge zu einer kleinen Revival-Stätte der alten Kalkberg-Stücke zu entwickeln und bietet eine nette Gelegenheit zu einer kleinen Zeitreise. Was bei „Unter Geiern“ zum Teil extreme Formen annahm.

Selbst die Bühne erinnert mit ihren Treppen und Wiesen stark an jene Bilder, die undeutlich aus halbvergessenen TV-Eindrücken aufsteigen und durch unzählige Fotos von Wilhelm Rebhuhn dokumentiert sind. Dazu kamen der behäbige Inszenierungsstil und die dialoglastige Handlung. „So habe ich meine ersten Stücke geschrieben, das geht heute nicht mehr“, sagte mir am Abend vorher Dieter F. Gottwald, der „Unter Geiern“ in zwei Teilen auf die Bühne in Bischofswerda gebracht hat. Offenbar geht es doch, ohne größere Liebesgeschichte und ohne übertrieben viel Action. Allerdings auch ohne Massa Bob und einige andere Zutaten. Schon nach 70 Minuten war Schluss, ohne Pause. Dennoch machte es Spaß und die Zuschauer gingen zufrieden nach Hause. Eindrucksvolle Indianerauftritte auf den Höhen und von allen Seiten der Bühne, fröhlicher Humor, dazu noch strahlendes Sonnenwetter, da machte der Besuch an den Greifensteinen wieder Spaß. Nur die 3,50 Euro für einen unbewachten Parkplatz an einem Waldweg verdarben da ein wenig die Stimmung. Und das doch eher schwach besetzte Blutsbrüderpaar. Shatterhand (Sven Heiß) geht noch, aber Winnetou (Tim Osten) bleibt während des Stückes so blass, wie sein Darsteller auf den meisten Fotos wirkt. Was vielleicht auch ein wenig daran liegt, dass die Rolle des Wokadeh 1962 aus bestimmten Gründen der Winnetous vorgezogen wurde, was dem Stück noch immer anzumerken ist. Osten ist aber auch ganz offensichtlich nicht der geübteste Reiter, macht den besten Eindruck, wenn sein Schimmel (!) sich nicht bewegt oder der Häuptling unbeweglich auf Felsen steht und die Silberbüchse gen Himmel reckt. In solchen Momenten scheinen die alten Kaugummibildchen und Plattencover plötzlich lebendig zu werden, selbst das weiße Pferd passt dann zur Vorstellung, Walther und Hilgers seien wieder lebendig geworden. Und irgendwie ist zu hoffen, dass dieser Stil und diese Erinnerungen an den Greifensteinen noch ein wenig länger bewahrt bleiben.

Ja, verbibsch nochama … – Premiere in Bad Segeberg

26. Juni 2007

Das war sie nun also, die große Premiere mit dem neuen Winnetou. Und zumindest das Wetter zeigte sich ja wohlgesonnen. Nachdem es nachmittags in Hamburg noch gewitterte und schüttete wie aus Eimern, schien abends in Bad Segeberg (fast) die Sonne … wenn das kein gutes Zeichen war. Leider gab es dann ja wieder, wie in jedem Jahr, eine Menge Kröten zu schlucken.

Angefangen mit der dramaturgischen Glanzleistung das Stück als “Winnetou Anderhalb” zu beginnen, sprich: zu einem Zeitpunkt aufzusetzen, wo alles, was “Winnetou I” ausmacht, schon geschehen war. Dies sorgte die ersten Minuten doch für erhebliche Irritationen … die sich in leichte Verärgerung verwandelten, als sich dann abzeichnete, daß die ganze Geschichte in einer Rückblende erzählt wurde. Der Sinn dieses Kunstgriffes liegt auf der Hand – dadurch konnte man mit fulminanten Action-Finale aufhören, weil man den eher ruhigen, Nachwortartigen Abschluß an den Anfang verlegt hatte. Das kann man gut finden … oder eben nicht.

Der neue Sam Hawkens gefiel ganz gut, aber warum mußte er wieder alleine, stellvertretend für das komplette Kleeblatt, im Stück auftreten? Warum stellte man ihm nicht Dick Stone und Will Parker zur Seite, und verschenkte
dadurch die Möglichkeit einmal richtigen Humor, nach Art Karl Mays, in dem Stück unterzubringen? Was hatte Juggle Fred in dem Stück verloren? Von dieser Kreatur Leclou ganz zu schweigen … wobei dies keine Kritik an den Darstellern sein soll. Ein wenig “sächseln” hat die Stücke schon immer bereichert, und die schauspielerische Leistung des Parfümfabrikanten war auch tadellos. Aber muß man sich auf eine derartiges “Humorniveau” begeben? Schon in den Vorjahren wußten “Los Wochos” und dergleichen aktuelle Anspielungen zu mißfallen, aber der “dreiblättrige Goldfurz” war nun wirklich das untere Ende der Skala … dafür sollte man sich selbst in Bad Segeberg zu schade sein.

Das Buch von Herrn Stamp wartete auch sonst noch mit allerlei unliebsamen Überraschungen auf … Santer (“The Voice”) als Chef von Rattler und Co. war nicht wirklich schön, erschien aber wohl nötig, um das nicht so Karl May-kundige Publikum nicht zu überfordern. Das Ende von Mr. Henry war nur noch peinlich … ein Waffenschmied mit Ladehemmung, der dann auf zynischte Weise “entsorgt” wurde … Feuerbestattung inklusive. Der Capitano war die übliche überflüssige Rolle für Anderson Farah, der allerdings in den Vorjahren schon störender in Erscheinung getreten war. Wenigstens ist er uns als Light-Version von Winnetou erspart geblieben. Die Kantinenwirtin Rosie … Schwamm drüber. Joshy Peters immerhin wußte als Intschu Tschuna zu gefallen … daran gab es nicht auszusetzen.

Erol Sander als neuer Winnetou machte eine recht gute Figur, auch wenn er aus der relativen Ferne der 11. Reihe des H-Blockes etwas schmal aussah. Aber da er ja einen ganz jungen Winnetou darzustellen hatte, war das nicht unbedingt ein Nachteil. Offensichtlich hatte er auch einen gehörigen Fanclub mitgebracht … jedenfalls gab es jede Menge “EROL”-kreischende Mädchenstimmen zu vernehmen. Die Kampfszenen waren durchweg gut, actionreich und sehr dynamisch. Allerdings sollte Herr Sander vielleicht noch etwas Ausdauertraining absolvieren, damit seine Wortbeiträge nicht gar so atemlos und hechelnd geraten.

Der neue Shatterhand war soweit okay. Ich habe schon bessere gesehen, aber auch deutlich schlechtere. “Winnetou I” ist für “Charly” eines der besten Stücke, weil er hier nicht lediglich ein hinterhertrottelnder Statist an der Seite Winnetous ist. Aber diese unsägliche Liebesszene mit Ntscho-Tschi … ja, ja, ich weiß, angeblich will das Publikum sowas. Mag ja sein. Aber zu diesem Teil des Publikums gehöre ich definitiv nicht. Und Karl May rotierte wieder mit 180 Umdrehungen in seinem Sarg.

Trotzdem gefiel mir das Stück insgesamt ganz gut. “Winnetou I” ist immer ein Highlight, bei dem man eigentlich nicht viel falsch machen kann. Daß dies in Bad Segeberg trotzdem immer wieder mühelos gelingt, ist dem
Selbstverständnis und der Größe des Unternehmens geschuldet. In Rathen habe ich vor einigen Jahren eine viel schönere, und deutlich werkgetreuere Umsetzung des Stoffes gesehen. Aber in Bad Segeberg stand schon immer das Show Business im Vordergrund, insofern gab es auch in diesem Jahr keine Überraschung.

Die größte Überraschung gab es für mich im Programmheft … wo am Ende bereits das Stück für die nächste Saison angekündigt wurde. Old Firehand … zuletzt 1997 mit Peter Hofmann im Programm gewesen, wenn ich mich nicht irre.