Auf fünf Bühnen habe ich sie schon gesehen, die allseits bekannte Kennenlern-Geschichte des Heldenpaares Winnetou und Old Shatterhand. Sie ist ja beinahe aus einem Guß geschrieben und müßte demnach trotz wechselnder Schauplätze relativ leicht zu adaptieren sein. Das dachte ich wenigstens. Deshalb erstaunen mich die zahlreichen Variationen zum Thema immer wieder, ohne die es bei den meisten Autoren und Regisseuren anscheinend nicht geht. So hat sich auch der langjährige österreichische Winnetou-Darsteller Thomas Koziol, der die Leitung der Weitensfelder Bühne nach deren Konkurs kurzfristig übernahm, frei aus dem May’schen Ideentopf bedient, bzw. ein Bühnenstück reaktiviert, das er in ähnlicher Form bereits in Winzendorf aufgeführt hatte:
Darin fehlt Klekih-petra, der weiße Schulmeister der Apachen, ebenso wie Oberhäuptling Intschu-tschuna, und als Kiowa agiert Tangua allein auf weiter Flur. Die Bleichgesichter treten dagegen zahlreicher auf. Das Kleeblatt, an dem auf anderen Bühnen gern gespart wird, ist komplett, und Gangsterboß Santer wird von Rattler unterstützt. Beide verdienen kräftig an der betrunkenen Inkompetenz Bancrofts, so daß sich Santer sogar eine Geliebte (Belle) leisten kann. Das noch recht unbedarfte Greenhorn Mr. Charly wird engagiert, um Vermessungen im Indianergebiet durchzuführen. Allein. Doch er heuert das Kleeblatt als Scouts an, das dafür gerne seinen einträglichen Handel mit Stoffen, Glasperlen(?) und Pelzen aufgibt. Überhaupt das Kleeblatt! Ließ das Erscheinen eines echten Maultiers erst noch auf Werktreue hoffen, wird bald klar, daß es sich hier nicht um Westmänner, sondern um Dorftrottel handelt! Allen voran Sam Hawkens, der es nicht einmal schafft, den Saloon durch die Schwingtür zu betreten, ohne sie wiederholt ins Gesicht zu bekommen. Auf diese Abart österreichischen Humors, der u.a. dafür sorgt, daß die Drei den größten Teil der Vorführung in roten “longjohns” über die Bühne stapfen, hätte ich gut und gern verzichten können. Obgleich meist dekorativ in Szene gesetzt, erinnert das Kleeblatt bestenfalls an die plumpdreisten Daltons aus “Lucky Luke”, keineswegs sind es gestandene Westmänner aus Mays Feder. Angeblich, um den ernsten Szenen die Spannung zu nehmen, turnen sie als Hampelmänner durchs ganze Stück und verdarben zumindest mir so manche gute Szene. Und das alles den Kindern zuliebe? Hm.
Denn ansonsten wird von den jüngsten Zuschauern erwartet, daß sie so einiges verkraften. Die von Michael Thomas wunderschön gesprochene Einleitung ist nämlich viel zu lang, spätestens im zweiten Drittel geht Kindern hier die Aufmerksamkeit verloren. Und die von Winnetou Thomas Koziol erstklassig choreographierten und ausgeführten Kampfszenen stehen an Brutalität keinem Videospiel nach. Daß gerade der edelste der Apachen dem Gegner in die Weichteile tritt, hätte auch nicht unbedingt sein müssen. Dafür wird bei der Blutsbrüderschaft aufs Messer verzichtet, um die lieben Kleinen nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Seltsam, oder?
Ein Pluspunkt in Weitensfeld ist Eva-Christina Binder als bildhübsche, grazile Nscho-tschi. Die begabte Schauspielerin, die für die Rolle extra reiten lernte, spielt – für Indianerrollen immer ein Gewinn – mit den eigenen, bis zur Hüfte reichenden schwarz gefärbten Haaren, ein Effekt, der mit keiner noch so guten Perücke erreicht werden kann. Dennoch wird ihr der inzwischen fast überall übliche Bühnenkuß nicht vergönnt, gerade, als Shatterhand Michael Thomas sie in die starken Arme schließen will, stört Winnetou das junge Paar. Stattdessen darf Nscho-tschi Auslöser für die Blutsbrüderschaft sein, diese kommt nämlich erst nach ihrem Tod zustande, als ihr letzter Wille sozusagen. Sterben kann Binder übrigens perfekt, es ist bereits die 3. Rolle in Folge, in der sie dies übt, zuletzt mit Koziol in Dracula. In Weitensfeld wird Nscho-tschi von Santer hinterrücks niedergestochen, bricht im Zeitlupentempo zusammen und fällt schließlich in Winnetous Arme. Beklemmend gut. Diese Szene, in der sowohl Winnetou (wortlos) als auch Old Shatterhand (beredt) um sie trauern, ist für mich ein Highlight des Stücks. Hier wirken nicht zum ersten Mal die unterschiedlichen Stärken des Blutsbrüderpaars: Koziols Winnetou beeindruckt durch Taten, er prescht auf seinem herrlichen (nagelneuen) Rapphengst über die Bühne und kämpft auf Teufel komm raus. So sticht er z.B. buchgerecht Old Shatterhand nach vorausgehendem Kampf nieder und nimmt es selbst mit einer ganzen Schar Banditen auf. Und was mir am meisten imponiert hat: Winnetou verliert den Kampf, er wird brutal niedergeschlagen und gefangen genommen. Hier wird am Mythos des unbesiegbaren Helden gekratzt, etwas, was auf den meisten Bühnen so nicht gezeigt wird. Doch Koziols Sprache mißfällt, sie ist von Pathos überladen. Auch wenn er das möglicherweise als erstrebenswert ansieht, paßt es nicht zu seiner kriegerischen Gesamtdarstellung. Langjähriger Old Shatterhand-Darsteller Michael Thomas hingegen überzeugt sprachlich und durch Mimik. Thomas spielt die Rolle routiniert und solide, obwohl er hier nicht der perfekte Held sein darf, wie zuletzt in der Dasinger Version, sondern das (noch) etwas ungeschickte Greenhorn mimen muß. Etwas steif vielleicht, was aber möglicherweise auf seine Reitverletzung am Premieren-Wochenende zurückzuführen ist.
Nach der Blutsbrüderschaft, die in Weitensfeld schon rein optisch nur am Rande mitläuft, und im Grunde verschenkt wird, folgt die Rache. In diesem Fall ein Angriff auf Roswell, bei dem nicht nur das Kleeblatt (erfolglos) mitmischt, sondern auch der inzwischen geläuterte Tangua. Christoph Steiner verkörpert diese extra für ihn ausgeweitete Rolle genial, der Indianistik- und Westernfan ist sozusagen mit Karl May aufgewachsen. Bei ihm paßt einfach alles. Bereits sein erster Auftritt ist hervorragend inszeniert, und obwohl schwarze Schminke und Büffelkopf das Aussehen des jungen Winzendorfer Ex-Winnetous allenfalls erahnen lassen, beeindruckt er durch Würde und Ausdruckskraft ebenso wie Agilität. Das vertraute Zusammenspiel zwischen ihm und seiner Paintstute, seine beinahe animalische Art sich zu bewegen, die Gestik, mit der er seinen oft in Lakota gesprochenen Text unterstreicht, all dies macht Steiner meiner Meinung nach zum heimlichen Star der diesjährigen Aufführung. Doch auch die Rollen der Bleichgesichter sind gut besetzt. Sowohl Bancroft (Manuel Girisch), als auch Rattler (Michael Walde-Berger) und nicht zuletzt Santer Wolfgang Lesky mit eindrucksvoller Rhetorik überzeugen, obwohl Rattler ebenso wie Tangua nicht durch und durch böse sein darf. Schade eigentlich, und nicht nachvollziehbar, da ganz und gar May-untypisch.
Dennoch, trotz der kurzen Vorlaufszeit und gerade deswegen bewundernswert, eine spannende, actionreiche Vorstellung, deren kleine Mängel zumindest in diesem Jahr durchaus verzeihbar sind.
Weniger Komik und mehr Karl May Nähe, und Weitensfeld wird auch in den nächsten 15 Jahren seine Zuschauer begeistern!







